Abtswind
Aus "Der Steigerwald" 1989-2, S.
38-45
(Bitte beachten Sie die "ur-"alte
Rechtschreibung)

Bild: Abtswind um 1860
Dieser schon öfters genannte mit einem
Graben umfangene Ort liegt am Fuße des Steigerwaldes, drei
Viertel-Stunden von Wiesentheid entfernt. Er ist der erste Ort unter dem
Steigerwald, wo der größere Weinbau anfängt, doch sind es hier keine
eigentlichen Häcker, sondern mehr Bauern die ihn betreiben. Auch ziehen
die Einwohner viele Vortheile von den beträchtlichen Gemeinde- und
Privatwaldungen. Berühmt sind die großen Steinbrüche, aus welchen ein
grauer leicht zu bearbeitender Sandstein gebrochen und weitumher verführt
wird. Die großen Statuen auf der Brücke zu Würzburg sind aus diesen
Brüchen. Die Residenz zu Würzburg, die Schlösser in Castell, zu
Rüdenhausen, die Pfarrkirche zu Wiesentheid und sonst viele andere
berühmte Gebäude verdanken dem Abtswinder Sandstein ihre Entstehung.
Im Jahre 1281 wurden die Einkünfte von den
Orten Rüdern und Illenbach dem Kloster Schwarzach, jene aber in Abtswind
den Söhnen des Dienstmanns, Albert Fuchs von Stockheim zugewiesen. Im
Jahre 1286 eignet Conrad von Wildberg dem Dienstmann Heinrich v. Castell
vier Huben und zwei Häuser in Abtswind und Wiesentheid. Im Jahre 1320
verkauft die Wittwe Arnolds von dem Rinne ihre Güter und Einkünfte zu
Abtswind an's Kloster Ebrach. Im nämlichen Jahre überlassen an das
nämliche Kloster Herold, genannt Fuchs; seine Frau Anna und ihre Söhne
Conrad, Heinrich, Johann und Theoderich ihre Güter und Einkünfte in
Abtswind für 55 Pfund und 3 Soliden. Bis 1364 war Abtswind nach
Rüdenhausen eingepfarret, in diesem Jahre aber wurde es davon getrennt
und erhielt eine eigene Kirche und Pfarrei. Der Zehenden gehörte vor
seiner Ablösung dem Würzburger adeligen Damenstift, doch wurden auch
gewisse Güter und Distrikte von Castell und der Pfarrei zu Wiesentheid
bezehndet. Die jetzt hier befindliche Apotheke befand sich früher in
Rehweiler.
Überhaupt ist Abtswind ein Ort, in dem sich gut leben
läßt. Schöne Bierkeller mit vortrefflichem Stoffe und noch bessere
Weine laden dahin zu einem Besuche ein. Weit berühmt sind diese
Abtswinder Weine, besonders die vom Altenberge. Dabei sollte aber auch
nicht versäumt werden, der Kirche mit Allem was dazu gehört, einen
Besuch abzustatten. Es weht uns hier ein gutes Stück Mittelalter an.
Nirgends hat sich die Umgebung einer Kirche in so vortrefflich gutem Stand
erhalten, wie gerade hier. Da kann man noch sehen, wie im Mittelalter die
Kirchen als kleine Festungen betrachtet wurden, in welche sich die
Einwohner flüchteten, um von da aus Leben und Eigenthum nicht selten mit
dem besten Erfolg zu vertheidigen. Starke, fast haushohe Umfassungsmauern,
innerhalb welchen man die Todten zu begraben pflegte, mit Brustwehren und
zur Vertheidigung bestimmten Mauerumgängen, kleine Eingänge, schmale
Fensteröffnungen, die als Schießscharten für Stahl- und
Armbrustschützen dienten, lassen sich gar wohl hier unterscheiden. Selbst
an dem Thurme erkennen wir noch die Stelle, wo er mit Zinnen für die
übrige Wehrmannschaft gekrönt war, welche von hier aus mit Pfeilen,
Steinen, Wurf und Schleudergeschütz den Feind abhielten. Selten sind die
"Gaden", Überbauten über Keller in der Umfassung der alten
Kirchhöfe, so schön erhalten, wie hier. Leider haben dieselben in
letzter Zeit eine theilweise Einlegung erfahren. Der Geschichtsfreund
müßte höchlich bedauern, wenn damit fortgefahren werden sollte. Die
alterthümliche Kirche hat besonders im Jahr 1705 auch viele
bedauernswerthe Veränderungen sich gefallen lassen müssen, um mehr Licht
in die innem Räume zu bringen. Nur einige Fenster bei dem Altare blieben
in ihrer ursprünglichen Gestalt. Auch wurde sie damals von dem Orgelbauer
Amblinger zu Würzburg mit einer neuen Orgel versehen. Das Innere der
Kirche enthält einen prachtvollen gothischen Altar mit Flügelthüren, in
dessen Mitte das Meisterwerk eines unbekannten Bildhauers - die Mutter
Gottes mit dem vom Kreuze abgenommenen Heiland - als Vesperbild thront.
Die Mutter Gottes mit dem lieblichen
Ausdruck von Andacht, worin sich der Schmerz und die Wehmuth um den
dahingegangenen Sohn mit göttlicher Ergebung paart, neigt das holde reine
Haupt leicht gegen den Entschlafenen. Der Zauber, welcher diesem Hochbilde
aufgeprägt ist, macht es unbestreitbar zu einem großen Meisterwerk, und
die Kirchengemeinde hat sehr wohl daran gethan, gewissen puritanischen
Gelüsten entschiedenen Widerstand entgegen zu setzen, sich diesen Schatz
nicht entreißen zu lassen. Wer nicht von Kindesbeinen eines Andem gelehrt
worden ist, der dürfte nach Besichtigung dieses Bildes wohl in Versuchung
kommen, dem Marienkultus zu huldigen. Die Gemälde an den Flügelthüren
stellen Scenen aus der heiligen Schrift dar, außen auf dem rechten
Flügel - der Evangelienseite - Maria Verkündigung und Anbetung der hl.
drei Könige, auf dem linken Flügel Maria Heimsuchung und die Erscheinung
des Aufgestandenen bei seiner Mutter. Das Innere der Flügel zeigt
Holzschnitzereien in Hochbildern, nämlich links eine Jungfrau in
einfachem Gewand und herabfliegendem Mantel mit goldener Krone auf dem
Haupte und einen Kelch in der rechten: St. Barbara! Rechts aber sind zwei
Gestalten nebeneinander abgebildet, gleichfalls Jungfrauen, die eine mit
einem Blumenkörbchen in der Hand: St. Dorothea! und die andere in der
rechten ein zur Erde gesenktes Schwert nnd in der Linken das Stück eines
zerbrochenen Rades: St. Katharina!
Nach dieser ernsten Betrachtung wollen wir
aber nun jetzt der lebenden Generation einige Aufmerksamkeit schenken. Auf
das Wasser hält der Abtswinder nicht viel, es scheint ihm wohl dienlich
und nützlich zum Waschen und Kochen, aber als Getränk hat es in seinen Augen nur geringen Werth.
Er zieht unter allen Umständen den Wein entschieden vor. Von der
Mutterbrust weg muß sich der junge Weltbürger an den Wein gewöhnen. Hat
er die Kinderschuhe ausgetreten, und zur großen Freude seiner Eltern es zu
einer gewissen Virtuosität gebracht, so hält man ihn durch dies~
Gottesgabe für hinlänglich erstarkt, den schwersten Arbeiten zu
obliegen. Es gilt den Pflug zu führen, die Wiesen zu düngen, den
Weinberg zu bearbeiten, das Holz zu hauen, die Trauben zu keltern, den
Schnaps zu brennen, - kurz er hat alle Hände voll zu thun, und es ist ihm
gar wohl zu gönnen, wenn er dem stets offen dastehenden Weinkrug fleißig
zuspricht. Mit Beruhigung sehen wir an den kräftigen Gestalten der
wehrhaften Jugend, daß von einem Rückgang des menschlichen Geschlechts
hier keine Rede ist. Mit einem offenen Kopf begabt, wird vielen die
Heimath zu eng. Es ziehen Viele in die Ferne, manche nach Amerika, andere
in die größeren Provinzialstädte unseres Landes. Hier beginnt der
Abtswinder gewöhnlich mit Errichtung einer kleinen Schenke, in welcher
der in der Heimath gebaute Wein verleitgabt wird. Bald wird aus ihm ein
größerer Weinhändler oder auch ein größerer Restaurant. Wir erinnern
nur an das uns mehr bekannte Regensburg, wo die Zehgruber und Schad zu den
wohlgelittensten und achtbarsten Bürgern der Stadt zählen. Lange bevor
er ihren Heimathsort kennen lernte, hat der Verfasser dort mit Abtswindern
Bekanntschaft gemacht. Er hat damals freilich nicht daran gedacht, daß er
seinerzeit auf das wenig rentable Untemehmen verfallen könnte, in
Ermangelung andem Revisionsstoffes die Gotteshausund Gemeinderechnungen
mit Revisionsnotaten zu beleuchten.

Bild: Ehemaliges Rathaus und Dorfschule
Es ist geschehen und er legt das Resultat
seiner Arbeit in nachstehendem Protokolle nieder. Wir ersehen aus der
Gotteshaus Rechnung, daß der abkommende Pfleger schon vor mehreren
Jahrhunderten nie in der Verlegenheit war, einen Überschuß zu
übergeben. Jedes Jahr übersteigen die Ausgaben etwas die Einnahmen und
mußten schon im Jahre 1621 an den Gotteshauspfleger Bastian Salzmann 4
fl. 8 Pfund 1 Pfg. rückvergütet werden, die er mehr ausgegeben als
eingenommen. Vor dem dreißigjährigen Krieg finden wir immer eine kleine
Einnahme aus dem Klingeloder Almosenstock verzeichnet, während des
dreißigjährigen Krieges aber heißt es im Rubrum: Aus dem Klingel- oder
Almosenstock: Nichts. Bei den Ausgaben spielen schon vor 300 Jahren die
Zehrungskosten eine große Rolle. Da sich wohl der Pfarrer nicht an den
förmlichen Zechgelagen betheiligen konnte, man selben aber nicht leer
ausgehen lassen wollte, kaufte man einen Eimer des besten Weins und
verehrte ihm solchen zum Versuchen. Er wird ihn wohl angenommen haben,
denn ich finde nicht, daß er dieses Geschenk refüsirt hat. Auf Kosten
der nicht unbedeutenden Einnahmen dieses Gotteshauses erhielt der
Gemeindeknecht jährlich ein Paar Schuhe, wurden dem Pfarrer sein weißer
Chorrock - damals trugen auch protestantische Pfarrer noch weiße
Chorröcke - das Jahr über mehrmal gewaschen und schön gefaltet,
erhielten die Kinder "uff den Charfreitag" Wecken, auch dann,
wenn sie Mayen in die Kirche trugen oder zu Ostem den Kirchhof kehrten,
wurden sie mit Wecken traktirt. Öfters bekamen sie auch große Oblaten zu
Geschenk. Die Glockenstränge müssen damals recht herzlich schlecht, oder sehr stark
strapazirt worden sein, denn man findet sehr häufig Beträge für selbe
verrechnet. Gezehrt wurde, wenn zu Jakobi oder Martini von Obersambach der
Zins eingenommen wurde, wenn ein neuer Pfarrherr oder Schulmeister aufzog,
bei jeder "Aufrichtung eines Registers", so oft eine Sitzung
gehalten, wenn die Wiesen "ausgegangen", ein Schuldner gemahnt,
wenn der Tag vom Pfarrer, Schulmeister oder Gotteshauspfleger war, oder
wenn mit dem alten Gotteshauspfleger abgerechnet wurde. Selbst der locus
secretus des Herrn Pfarrers wurde auf Kosten des Gotteshauses gesäubert.
Am flottesten wurde aber bei Hochgerichten auf Gemeindekosten gelebt. Da
labte sich die gnädige Dorfherrschaft, erquickten sich die Beamten,
zechten die Schultheißen, mit ihnen der Schulmeister und Gemeindeknecht,
überhaupt alle, welche beim Abhören der Rechnung ein Wort mitzusprechen
hatten. Es wird mit besonderem Nachdruck hervorgehoben, daß stets ein
ganz ehrsames Gericht verzehrt wurde. So wurden laut einer Spezifikation
im Jahre 1686 - 12 fl. 9 Pfd. 2 dl. und im Jahre 1705 - 22 fl. 26 Pfd. 1
dl. verzehrt, eine für die damalige Zeit höchst bedeutende Summe.
Letztere Rechnung schließt mit den Worten: "Demnach bei hier
gehegten Hochgericht gegenwärtige Gemeinderechnung öffentlich abgelesen
und sonst wohl durchgegangen worden, alsweit selbe hiemit in allen Punkten
ratifiziret, außer daß der Zehrung wegen etwas weniges zu erinnern
stünde." Der Beamte, welcher das Hochgericht abgehalten hat, muß
die verzehrte Summe denn doch für etwas stark gehalten haben. Das genirte
aber nicht, es blieb noch lange bei dem alten Gebrauch. Auf
Gemeinderechnung wurde gezecht, wenn dem Vieh die Hörner sind
abgeschnitten worden, wenn ein neuer Heerdochs geholt, oder der alte
geschlachtet wurde:
An der Kirchweih wurde der Kirchweihfrieden
vom Rathhause herab verlesen. Daß dann auch etwas gezecht wurde, versteht
sich wohl von selbst. Noch um's Jahr 1580 ging zur Erhöhung der
"Kirchweihfeierlichkeit" ein Mann im Harnisch herum. Gezecht
wurde, wenn solche, die in Arrest waren, wieder herauskamen. Da heißt es
im Jahre 1705: "Es wurde verzehret, als die zu Wiesentheid
Verarretirten aus dem Arrest kommen sind, - aus lauter Freuden."

Ehem. Abtswinder Pfarrhaus (bis 1878)
Wer jetzt die Orgel hört, ahnt wohl nicht,
daß 1705 viele Krüge Wein auf Gemeindekosten hinter die Binde gegossen
wurden, bis solche einmal zu Stande kam. Es wurde gezehrt, als ein
Orgelmacher allhier gewesen, und wegen der Orgel akkordiren wollen, aber
nichts aus dem Akkord worden; dem Cantori Nothnagel zu venehren gegeben,
als er nach Würzburg gegangen und die Orgel größer bestellet; es wurde
verzehrt in der Spiesin Haus, wie man mit Herrn Amblinger akkordiret, und
ihm die Orgel zu machen überlassen gehabt; es wurde verzehret von den
Herren Schultheißen und Burgermeistem, Gotteshausmeister und Orgelmacher,
als letzterer bezahlt wurde, es wurde verzehret, als die Orgel von Herrn
Cantor zu Castell visitiret und eingeweihet worden, Alle diese Ausgaben
sind motivirt, aber denn doch finden wir häufig die drei Schultheißen
und Burgermeister ohne alle Begründung im Verzehrungsgeschäft.
Es wäre höchst indiskret von mir, mit den Herren weiter ins Gericht zu
gehen und bemerke schließlich nur noch, daß in der guten alten Zeit
Abtswind drei Schultheißen und Bürgermeister hatte, einen füchsischen,
einen castell'schen und einen ebrachischen. Sogar ein Gerichtsschreiber
befand sich allda.
Auf die an interessanten Momenten reiche
geschichtliche Vergangenheit von Abtswind kann in vorliegenden Zeilen
leider nicht näher eingegangen werden. Ein ganzes Büchelchen wäre hiezu
erforderlich. Eine Urkunde vom 22. Juli 1281 läßt keinen Zweifel, daß
Abtswind in sehr genauen Beziehungen zur Abtei Münsterschwarzach stand.
Auch in dem Urbarium des Klosters Ebrach vom Jahre 1340 kommt Abtswind oft
und zu wiederholtenmalen vor. Mancherlei Dokumente und Urkunden sind aber
in Abtswind selbst vorhanden, aus welchen sich viele sichere Nachrichten
über die früheren Zustände und Verhältnisse schöpfen lassen. Dahin
gehört ein in lateinischer Sprache gefertigtes Schreiben des Bischofs
Albrecht von Hohenlohe d. d. Würzburg 1364, in welchem derselbe Abtswind
erlaubt, sich von der Rüdenhäuser Gemeinde zu trennen; dann ein
gleichfalls lateinisch abgefaßtes Schreiben des Domdechants und
Domkapitels vom 14. Juli 1396 desselben Betreffs. In der
Gemeinderegistratur befindet sich eine höchst interessante Urkunde aus
dem Jahre 1629 von dem Notar Philipp Sartorius, die Reformation von
Abtswind betreffend, ebenso Aktenstücke aus der Reformationszeit vom
Jahre 1631. Es sind diese Dokumente für die Verabfassung einer
Reformationsgeschichte der Grafschaft Castell bei den spärlich
fließenden Quellen unschätzbar und wären wohl werth, einmal
veröffentlicht zu werden. Auch Criminalartikel und
Urtheile über mehrere hier verurtheilte und hingerichtete Verbrecher aus
dem l7ten Jahrhundert bieten viel Interessantes, ebenso ein
Signatschreiben des Schultheißen und Bürgermeisters zu Markt Geiselwind
vom 15. Dezember 1649. Ferner sind in Beziehung auf die Geschichte von
Abtswind die vorhandenen Gemeinde- und GotteshausRechnungen von hohem
Werth. Viel Interessantes enthalten auch die zum Theil noch vorhandenen
Gemeinde- und Hochgerichtsprotokolle. Auf dem Kirchenboden ist noch die
Stelle zu sehen, an welcher die Folter angebracht war, womit man dem
Inquisiten peinlich zusprach, um ihn zum Geständniß zu bringen.
Während der Unruhen und Drangsale des
dreißigjährigen Krieges verödete Abtswind so, daß ,zum Beispiel beim
Kronenwirthshaus das Gras zum Fenster herauswuchs.
Am 12. und 28. August 1730 kamen zwei Züge
von aus-. gewanderten Salzburger Protestanten hier an. Der erste Zug
zälte 70, der andere 300 Personen. Sie wurden mit Glockengeläute
empfangen und erhielten die rührendsten Beweise von Theilnahme an ihrem
herben Geschick. Von diesem Emigrantenzug starb hier ein altes
Mütterchen. Sie war 86 Jahre alt und freute sich, in einem
protestantischen Ort sterben zu können. Am 27. Nov. 1806 segnete hier
Frau Franziska Henriette Eleonore v. Bülow, Gemahlin des k. polnischen
und kursächsischen Obristlieutenant der Cavallerie und Rittmeister bei
der Garde du Corps Friedrich Christian Ludwig von Bülow, eine geborne
Gräfin von Castell-Remlingen, das Zeitliche. Schon mit 38 Jahren Witwe
geworden, hatte sie 45 Jahre in Abtswind gelebt, und besaß daselbst das
Haus, welches jetzt das Sternwirthshaus ist.

Bild: Dreschtag in Abtswind
Der castell'sche Lehenrath Johann Michael
Neeser, welcher gleichfalls hier wohnte und ein eigenes Haus besaß,
verwaltete die Revenuen ihres Vermögens. Man erzählt sich, daß sie eine sehr
accurate Frau gewesen sei, und ihn oft bitter habe empfinden lassen, wenn
er nicht genau nach ihren Vorschriften verfuhr. Der Herr Lehenrath soll
sich dann jedesmal die Beweise der Ungnade sehr stark zu Herzen genommen
haben, und sei dann immer gar lange untröstlich darüber gewesen. Der
Mann muß sich aber nicht schlecht gestanden haben, denn er hinterließ
ein sehr bedeutendes Privat-Vermögen und starb erst 1824 im hohen Alter
von 84 Jahren.
Eine üble Erinnerung haben die im Jahre
1813 hiergelegenen Russen hinterlassen. Von einem derselben wurde ein Weib
auf der Wiese am Oberend ermordet. In einem schauerlichen Andenken steht
auch das Jahr 1844 durch mehrmals wiederholte Brände, bei denen der
Verdacht der Brandstiftung nur allzu begründet war. Der eine Brand
geschah am Osterfest, den 7. April Abends 10 Uhr; ein zweiter am
Himmelfahrtstage. Am 19. September heulte die Sturmglocke zum dritten
Male. Diese Ereignisse haben dem Orte viel schwere Sorgen und empfindliche
Kosten bereitet. Möchten solche Schreckenstage in Abtswind niemals je
wiederkehren!

Ehem. Haus Keil-Huscher, daneben Gasthof
"Zur goldenen Krone" (1958 abgebrannt)
Der Eichbrunnen und das Hainbachstännig.
Zur Erforschung und Bearbeitung der
früheren Geschichte von Abtswind fehlt es wie überall an sicheren
geschriebenen Quellen, und man muß sich daher in dieser Hinsicht mit
ungeschriebenen begnügen. Um so erwünschter ist es, daß noch mehrere
stumme Denkmäler und mündliche Überlieferungen vorhanden sind, die doch
wenigstens einiges Licht auf die frühere und älteste Geschichte von
Abtswind werfen. Denn wie unsicher und zweifelhaft auch die einzelnen
Quellen an und für sich sein mögen, so führen dieselben doch zu
Resultaten von einiger Sicherheit, wenn sie untereinander übereinstimmen.
Einige Tausend Schritte von Abtswind
entfernt, hart an der Wiesentheider Straße befindet sich eine Q.uelle,
der Aichbronnen genannt. Hier stand einst eine Kapelle, die ihre
Entstehung einer sehr frühen Zeit verdankt. Es ist gewiß, daß selbe in
Verbindung mit dem Kloster Schwarzach stand, dem die Aufgabe zugefallen
war, die ersten christlichen Familien, welche sich am Fuße des
Steigerwaldes niedergelassen hatten, oder Christen geworden waren, mit
Seelsorge zu versehen.
Die hier zu Tage tretende Quelle war schon
in heidnischer Zeit vom Volke für heilig gehalten worden, gleich wie der
Hain, welchen das dieser Quelle entspringende Bächlein nach kurzem Laufe
ereilt. Das Bächlein heißt heute noch der Hainbach, und das von ihm
berührte Wäldchen: das Hainbachstännig. In demselben haben unsere
Vorfahren in heidnischer Weise ihre Götter verehrt. Sie hatten noch keine
Kirchen und wußten noch nichts von dem großen alleinigen und allmächtigen Gott,
dem gütigen Schöpfer, der die schöne weite Welt und alle Menschen
gemacht hat. Als sie nun die prachtvollen Eichbäume ansahen, die schon so
groß und schön dagestanden hatten, wie ihre Väter und Mütter noch jung
waren, und sie selbst ganz kleine Kinder, da dachten sie, sie möchten
wohl unter diesen Eichbäumen beten, und das thaten sie eben so, wie wir
jetzt in der Kirche beten. Sie legten mitten unter die Eichen einen Kreis
von Steinblöcken, und baten die gescheidtesten und ältesten Männer
ihnen vorzubeten. Diese nannten sie ihre Priester oder Druiden, und thaten
Alles, was dieselben befahlen. Die Druiden trugen lange weiße Kleider und
hatten Kränze von Eichenlaub in den weißen Haaren, ihr Bart war auch
weiß, weil sie schon sehr alt waren. Wie ehrwürdig sah es aus, wenn
ihnen dieser auf die Brust und das schöne weiße Kleid herabwallte!
Nach einer alten Sage sollen am Aichbronnen
die ersten Häuser von Abtswind gestanden sein. Wahrscheinlich ist auch,
daß sich ursprünglich hier nur eine Einsiedelei befand, die von einem
Mönche bewohnt war. Da derselbe trauen, taufen und die übrigen
Sakramente verabreichen konnte, so darf wohl angenommen werden, daß die
hier gestandene Kapelle für die Umwohner von großem Werthe gewesen ist.
Erst als Abtswind im l3ten Jahrhundert nach Rüdenhausen eingepfarrt
wurde, und im Jahre 1364 eine eigene Kirche und Pfarrei erhielt, ging die
bis dahin bestandene Einsiedelei wieder ein. Während der stürmischen
Zeit der früheren Jahrhunderte wurden die wenigen dort befindlichen
Häuser von den Bewohnern verlassen und scheint während des
Schwedenkrieges auch die Kapelle ihren Untergang gefunden zu haben. Ein
vom Aichbronnen nach Rüdenhausen ziehender Weg heißt heute noch der
Kirchenweg. Er wird den am Aichbronnen angesiedelt gewesenen Bewohnern zu
ihren Gang in die Rüdenhäuser Kirche gedient haben. Jetzt ist von all'
dem nichts mehr zu sehen. Das ewig junge Brünnlein aber ist nicht
gealtert. Es setzt noch heute wie vor Tausend Jahren seinen Lauf unbeirrt
fort. Die vor ungefähr zweihundert Jahren auf einem Acker nächst der
Quelle vorgefundene Glocke hat gewiß der dort gestandenen Käpelle
angehört. Diese Glocke befindet sich seit dieser Zeit in Gesellschaft der
andern auf dem Pfarrthurme in Abtswind.
Schließlich wird bemerkt, daß der in der
Nähe der Quelle sich befindliche Brunnen schon in einer Urkunde vom Jahre
1448 als längst bestehend erwähnt wird. Er mag wohl schon in heidnischer
Zeit existirt haben. Der Aichbronnen empfing seinen Namen von dem
altdeutschen Wort "Ach", daß so viel wie Bach bedeutet, und mit
dem lateinischen Wort "aqua", d. i. Wasser gleichen Stamm hat.
Ein Theil des Hainbachstännig wird seit neuerer Zeit der Frau Gräfin
Sophie von Schönborn zu Ehren "Sophienhain" genannt, wie auch
die um dieselbe Zeit aufgefundene Tropfsteinhöhle bei Rabenstein in der
fränkischen Schweiz gleichfalls ihren Namen von dieser Edeldame empfing.
Friedrichsberg
Von Abtswind führt ein angenehmer Fußpfad
in vielfachen Krümmungen zum Friedrichsberg hinän, einem eine halbe
Stunde von Abtswind entfernten castell'schen Jagdschloß. Schon beim
Hinaufsteigen fesselt uns öfter an den offenen Waldstellen ein
entzückender Blick in das Mainthal und auf die dasselbe begrenzenden
Höhenzüge. Je höher wir kommen, desto prächtiger wird die Aussicht
Haben wir endlich auf der aus nahezu 150 Stufen bestehenden Steintreppe
das Schloß erreicht, so können wir uns mit Muße dem Genuß der schönen
Gegend hingeben. Das Schloß ist im Jahre 1735 von dem Grafen Johann
Friedrich v. Castell Rüdenhausen erbaut worden. Dermalen wird es nur von
einer Försterfamilie bewohnt. Nebenan ist für einen Waldaufseher ein
besonderes Häuschen. Wegen der sehr ausgebreiteten vortrefflichen
Aussicht pflegt der Ort am dritten Pfingstfeiertag zahlreich aus der
ganzen Umgebung besucht zu werden. Die Aussicht reicht bis auf dreißig
Stunden und wird blos von dem Spessart, der Rhön und dem Odenwald
beschränkt. Bundschuh erklärt sie für eine der schönsten in
Deutschland. Hinter dem Hause befindet sich eine hübsche Anlage und ein
sehr tiefer durch Felsen gehauener Brunnen, welcher den Bewohnem das
nöthige Trinkwasser gewährt. Der Sage nach soll in den 141 Fuß tiefen
Brunnen einstmals eine Ente hinabgefallen und wieder im Gründleinsloch
zum Vorschein gekommen sein. Um einen Eimer Wasser an das Tageslicht zu
fördern bedarf es eines großen Kraftaufwandes und ist nahezu eine
Viertelstunde nöthig, das Geschäft des Heraufwindens zu vollenden.
In dem oberen Stocke des Jagdschlößchens
sind einige Zimmer zum vorübergehenden Aufenthalt des Herrn Grafen bei
seinen Jagdausflügen entsprechend eingerichtet und mit viel hundert
Rehgeweihen geziert. Da und dort hat ein Kupferstich manch wackeren alten
Waidmanns und Jagdgesellen eine Stelle gefunden.
Fürwahr die alten Herrn könnten keinen
würdigeren Platz angewiesen erhalten. Da ist der Bechstein, jener alte
berühmte Ornitholog und Jagdschriftsteller, von dem der Verfasser sich
noch im Besitz einer änsehnlichen Anzahl von Briefen befindet, die
Bechstein an den Forstrath Meyer in Ansbach, des Verfassers Großvater,
geschrieben hat, - der alte Wildungen, dessen illustrirte Jagdkalenderchen
bei jedem Waidmann noch heute in guter Erinnerung stehen,- der Döbel,
dessen Jäger-Praktika das Beste ist, was je über Jagdkunde geschrieben
worden ist. Ein großer Tubus, dessen Stativ in der Ecke des Zimmers
steht, erregt in uns heimlich das Verlangen, auch einmal davon Gebrauch
machen zu dürfen. Für jetzt begnügen wir uns aber mit einem
gewöhnlichen Feldstecher, mit Hülfe dessen wir von der Rückseite des
Schlosses aus noch einen Blick auf die Bamberger Gegend werfen.
Schließlich nehmen wir beim Abschied von der Hauswirthin des dortigen
Försters die Überzeugung mit hinweg, daß die in der geräumigen Küche
auf gethürmten Gläser, Tassen und Geschirre wohl nicht allein zur
Verwendung der beiden Leute bestimmt sein mögen, sondern daß die
Einrichtung auch darauf berechnet zu sein scheint, auf Verlangen die
Besucher mit Wein, Bier, Kaffee und mit den Erzeugnissen ihrer kleinen
Ökonomie zu bewirthen. Die Nürnberger Presse, jenes beliebte Blatt, das
fast in keinem Försterhaus fehlt, zeigt sich den hoch oben auf dem Berg
in stiller Abgeschiedenheit Lebenden als ein heiterer Freund. Nun nur noch
den Rath, in den Morgenstunden den Friedrichsberg zu besuchen, da man
Nachmittags wegen Mangel einer richtigen Beleuchtung nur den halben Genuß
von der schönen Aussicht hat.
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