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Aus: "Der Steigerwald", Heft Juli 1999-3 von Marion Kopp
Die Situation vor dem Einmarsch der Amerikaner
Der Markt Abtswind trug durch den Zweiten Weltkrieg
keine direkten Sachschäden davon. Zwei Bomben, die gegen Ende des Krieges
an der Straße nach Untersambach als Notabwurf gefallen waren, richteten
keinen Schaden an. Als einziges ziviles Opfer war ein dreijähriges Kind
zu beklagen, das bei einem Tieffliegerangriff von einem Querschläger
getötet worden war.
Im Vergleich zu den Städten konnte man die
Versorgungslage als verhältnismäßig gut bezeichnen, da es die Bauern
stets verstanden, die Ablieferungsvorschriften zu ihren Gunsten
großzügig auszulegen, wovon in Nachbarschaftshilfe auch der
nichtbäuerliche Bevölkerungsteil profitierte. Genaue Zahlen der
Bevölkerung eines Dorfes sind schwer festzustellen, weil die Zahl der
Evakuierten, Flüchtlingen, Dienstverpflichteten und Kriegsgefangenen
ständig gewechselt hatte.
Zu Beginn des Krieges mußten Evakuierte aus der
Pfalz aufgenommen werden, welche nach dem Frankreichfeldzug wieder
zurückkehrten. 1942 übersiedelten Frauen und Kinder aus den
bombenzerstörten Städten des Ruhrgebietes. "Bombenweibei '
bezeichneten die Einheimischen diese Frauen. Ab Februar und März 1945
suchten Ausgebombte der Städte Kitzingen, Schweinfurt und Würzburg eine
Bleibe in den Dörfern. Die Landwirtschaft beschäftigte während des
Krieges auch ausländische Dienstverpflichtete, insbesondere Männer und
Frauen aus Polen und der Ukraine. Aber auch die Kriegsgefangenen hatte man
den Landwirten, bzw. den Handwerkern zugeteilt. Während einer genau
festgesetzten Arbeitszeit konnte sich die Menschenmenge in der
Ortsgemarkung im Rahmen ihrer Tätigkeit frei bewegen. Die Nächte mußten
sie in einem gemeinsamen Raum verbringen, von einem deutschen Posten
bewacht.

Bild: Abtswind vor der Flurbereinigung
Die Zeit der amerikanischen Besetzung
Eine Woche vor dem amerikanischen Einmarsch floh
NS-Kreisleiter Heer. Sein Aufbruch aus der Kinderschule erfolgte in
großer Eile. Sieben einspännige Leiterwagen voll Lebensmittel,
Spirituosen, Tabakwaren und Kleidung schaffte man aus dem Haus. Um den
Einmarsch der Amerikaner zu stoppen errichtete der sog. Volkssturm
Panzersperren an den Ein- und Ausfallstraßen des Dorfes. Diese
Panzersperren bestanden aus dicken Bohlen und Pfosten, die man unmittelbar
am Ortsausgang als Barrikaden aufstellte. Jedoch unmittelbar vor dem
Anrücken der Amerikaner beseitigten in der Regel die Frauen des Dorfes
diese angeblichen Panzersperren, um eine möglichste Schonung des Dorfes
zu erreichen.
Der Einmarsch der Amerikaner vollzog sich in fast
allen Orten auf die gleiche Art und Weise. Panzerspähwagen und Panzer mit
bis an die Zähne bewaffneten Soldaten durchfuhren den Ort, wendeten ihr
Gefährt und machten den gleichen Weg zurück. Die Kriegsgefangenen rissen
aus und stießen auf diese Spähtrupps. Sie schilderten den Amerikanern
die Lage im Ort und besetzten dann gemeinsam die Dorfstraße. Alle Häuser
mußten die weiße Fahne hissen. Das den Amerikanern auffälligste Haus
wurde requiriert und zur Standortkommandantur erklärt. Alles, was nach
"Nazi" aussah, alle Waffen mit Munition, Schreibmaschinen,
Ferngläser und Fotoapparate lieferten die Bürger im Rathaus ab. Von den
Kriegsgefangenen erfuhren die Besatzer Gesinnung und Mittun der einzelnen
Ortsbürger; und so gewichtete man auch die Stichproben der
Hausdurchsuchungen. Nach der Sperrstunde durfte sich kein Ortsbürger mehr
auf den Straßen blicken lassen. Manche Einheiten verhielten sich sehr
korrekt, andere nahmen sich ohne Bezahlung, verköstigten sich bei Wein
und Bier und schossen sich das Wild. Von Kriegsgefangenen verdächtigte
Ortsbewohner traten meist den Weg in ein Gefangenenlager an.
Probleme und Aufgaben der zivilen Verwaltung nach
dem Einmarsch
Die von den Besatzungstruppen erlassenen
Verordnungen bleiben bestehen und wurden noch ergänzt. So mußte die
verhängte Ausgangssperre weiter eingehalten werden. Außerhalb der
Ausgangssperre erlaubte man den Dörflern ein sich freies Bewegen nur bis
zu einem Umkreis von drei Kilometern. Von den Amerikanern aufgestellte
Zivilisten bar jeglicher nationalsozialistischer Vergangenheit dienten als
Hilfspolizeiorgane und hatten täglich dem patrouillierenden
amerikanischen Offizier Meldung zu machen. Viel Denunziantentum schlich
sich da ein. Mit dem Einrücken der Amerikaner fiel auch jeglicher Post-
und Bahnverkehr zusammen.
Für mehrere Monate mußte man ohne Elektrizität
auskommen. Im Jahre 1945 besaß jeder Bauemhof auch sein Milchvieh. Die
Milch wurde zum größten Problem. Niemand konnte Milch abliefern, die
Molkerei war geschlossen. Aber die Kühe gaben tagaus tagein, früh und
abends ihre Milch. Zu Butter, Käse und Schweinefutter diente die Milch.
Der "Zieweleskäs" fehlte bei fast keiner Mahlzeit und hing
besonders der Jugend sehr bald zu Halse heraus.
Wie in allen Orten setzte man den I . Bürgermeister
Andreas Hühsam und den 2. Bürgermeister Andreas Höfer in Abtswind ab.
Auf Weisung der Besatzung bestimmte der Landrat den Abtswinder Georg Hack
zum 1. Bürgermeister. Die bisherige zivile Verwaltung blieb zunächst
unberührt. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, dafür zu sorgen, daß im Ort
die Anweisungen der Militärregierung buchstabengetreu zu befolgen waren.
Als erstes wurde vom neuen Bürgermeister ein sofortiger Kassensturz
bezüglich der Geimeindefinanzen mit Feststellung des Bargeldbestandes,
der Bank- und Postscheckguthaben, der Wertpapiere, der Außenstände an
Gemeindesteuern, der Rückstände an
Kreisümlagen und der noch zu zahlenden Rechnungen gefordert.
Der eingesetzte neue Bürgermeister war, wie bisher
der Standesbeamte seines Amtsbereiches, seine gesetzlichen Vertreter die
sogenannten Beigeordneten. Bei der Übernahme des Amtes mußten alle
Standesregister bezüglich ihres Bestandes seit 1876 überprüft und
festgestellt werden, wann die letzten Eintragungen erfolgten. Das gleiche
galt für die standesamtlichen Nebenregister. Der Bürgermeister und seine
beiden gesetzlichen Vertreter bildeten auch die Ortspolizeibehörde.
Die Stelle der wegen Kriegseinwirkungen Evakuierten,
welche nach Kriegsende bald wieder in ihre Heimat zurückgekehrt waren,
nahmen die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen aus dem Osten ein. Hinzu
kamen entlassene ortsfremde deutsche Kriegsgefangene, die sich zu
Bekannten ins Dorf haben entlassen lassen, weil sie nicht in ihre Heimat
zurück konnten oder wollten. Anfang Mai 1946 kam der erste offizielle
Flüchtlingstransport. Und es folgte eine Zeit, in der die Zahl der
Ortsfremden ebenso hoch war, wie die der Einheimischen.

Bild: 1942 müssen auch die Abtswinder Glocken abgeliefert
werden, um die Kriegsmaschinerie in Gang zu halten.
Das damals entstandene
Foto zeigt Pfarrer Ludwig Luther (rechts), Bürgermeister Andreas Hühsam
(links),
dahinter Zimmermann Martin Kraft, der die Glocken vom Turm holte,
zusammen mit den Läutbuben.
Während die im Krieg nach Abtswind eingewiesenen
Evakuierten, vor allem auch die Pfälzer zu Beginn des Krieges, von den
Einheimischen ohne große Schwierigkeiten im Dorf aufgenommen worden
waren, weil die Zeit der Unterbringung absehbar war, gestaltete sich die
Aufnahme der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen teilweise recht
schwierig. In einigen Fällen mußte die Einweisung, bei hartnäckiger
Weigerung der Hausbesitzer, unter Mitwirkung des sogenannten
Flüchtlingsobmannes, zwangsweise durch den Bürgermeister vorgenommen
werden, was wiederum über Jahre hinweg das Verhältnis zwischen
Bürgermeister und dem Betroffenen sehr stark trübte. Jedoch im Laufe der
Zeit kamen sich der alte und der neue Bevölkerungsteil immer näher. Vor
allem die Jugend fand schnell zusammen; das stärkste Band bildeten
Eheschließungen.
Die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen, welche in
Abtswind und Umgebung keine ihrer beruflichen Qualifikationen
entsprechende Beschäftigung finden konnten, verließen, besonders nach
der Währungsreform 1948, in der Mehrzahl nach und nach den Ort. Meist
zogen auch ihre Familien bald nach, so daß die Gesamtbevölkerung als
Folge wieder merklich abnahm. Die Verbliebenen aber haben sich
zwischenzeitlich voll integriert und prägen heute in gesellschaftlicher
Stellung und Beruf nicht unwesentlich das Gesamtbild der Dorfbevölkerung.
Bei einer am 29. 10. 1946 durchgeführten Volks- und Berufszählung betrug
die Einwohnerzahl von Abtswind 954. Davon waren 537 weiblich und 417
männlich. Diese Bevölkerungszahl verteilte sich auf 236 Haushalte.
Nach Kriegsende trafen immer mehr ehemalige
Kriegsteilnehmer in ihren Heimatorten oder den bei der
Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft als Heimatort angegebenen
Ortschaften ein. Ein gewisses Problem ergab sich dabei bezüglich der
Bezahlung des Entlassungsgeldes und des rückständigen Wehrsoldes.
Voraussetzung für alle Zahlungen war die Vorlage des Originals des
amerikanischen Entlassungsscheines. Für die nach Abtswind heimgekehrten
Soldaten war die Auszahlungs- und Dienststelle in Erlangen zuständig.
Nach einem Beschluß des Ministerrates in München
erfolgte in der Zeit vom 5. 6. bis 14. 6. 1947 eine Registrierung der
Kriegsgefangenen und Vermißten. Dadurch sollten zuverlässige Unterlagen
für die Gefangenenbetreuung und Vermißtensuche geschaffen werden. Die
Registrierung erstreckte sich auf Kriegsgefangene und im Ausland
Internierte, sowie vermißte Wehrmachtsangehörige und Zivilpersonen.
Personen, die bei Umsiedlungsaktionen am bisherigen Wohnort
zurückgeblieben waren oder Personen, die durch den Luftkrieg als vermißt
galten, wurden nicht registriert. Um Doppelmeldungen zu vermeiden, mußten
die Anmeldungen grundsätzlich von den nächsten Verwandten vorgenommen
werden. Für die Bestimmung des Verwandtschaftsgrades galt die
Reihenfolge: Ehegatte - V ater und Mutter - Kinder - Geschwister.
Anmeldeberechtigt waren nur die Personen, die ihren Wohnsitz in der
amerikanischen Besatzungszone hatten. Jeder heimkehrende Soldat mußte
einen sogenannten "Heimkehrerfragebogen" ausfüllen, mit Angaben
zur Person, Feldpostnummer, Einheit und Gefangenenlager. Bei Kenntnis
über einen Vermißten mußte er eine sog.
"Heimkehrererklärung" abgeben. Die erste demokratische Wahl
nach Kriegsende war die Wahl des Bürgermeisters und des Gemeinderates im
Februar 1946. Vorbereitend dazu mußten Fragebögen ausgefüllt werden,
die von der amerikanischen Militärregierung überprüft worden waren.
Im Rahmen der Landtagswahl am 1. 12. 1946 fand auch
der Volksentscheid über die Annahme der Bayerischen Verfassung statt.
Mit dem Gesetz zur Befreiung vom Nationalsozialismus und Militarismus in
der amerikanischen Besatzungszone vom 5. 3. 1946 wurde dem deutschen Volk
die Veranwortung für die Entnazifizierung übertragen. Gemäß dieses
Gesetzes sollten diejenigen, welche die nationalsozialistische
Gewaltherrschaft aktiv unterstützt, oder sich in dieser Zeit aufgrund der
geschaffenen Verhältnisse bereichert, bzw. gegen die Grundsätze der
Gerechtigkeit und Menschlichkeit verstoßen hatten, zur Rechenschaft
gezogen werden. Die Betroffenen verloren ihre Einflußnahme auf das
öffentliche, kulturelle und wirtschaftliche Leben und mußten
Wiedergutmachung leisten. Die Beurteilung sollte in gerechter Abwägung
der Verantwortlichkeit und Gesamthaltung des einzelnen erfolgen. Jeder
Betroffene sollte sich rechtfertigen können. Die Zugehörigkeit zur NSDAP
oder eine ihrer Organisationen war für sich allein nicht entscheidend
für das Maß der Verantwortlichkeit, wie auch die Nichtzugehörigkeit
eine Verantwortlichkeit nicht ausschloß. Im Rahmen dieser
Entnazifizierung war ein Fragebogenverfahren eingeführt worden, bei dem
jeder Deutsche über achtzehn Jahren einen umfangreichen Fragebogen
auszufüllen und einzureichen hatte. Die Nichtabgabe des Fragebogens hatte
zur Folge, daß der Betroffenen keine Lebensmittelkarten mehr erhielt. Die
Fragebögen wurden von der Gemeindeverwaltung an die zuständige "Spruchkammei'
weitergeleitet, die in jedem Landkreis für die Durchführung der
Entnazifizierung auf der untersten Ebene zuständig war. Diese
Spruchkammer verfügte über drei Vorsitzende und drei öffentliche
Kläger. Bis zum 23. 3. 1947 mußten alle Fragebögen der Spruchkammer
vorliegen, wofür der Bürgermeister verantwortlich war.
Für die Beurteilung der
Verantwortlichkeit und das Sühnemaß gab es folgende fünf Gruppen:
a) Hauptschuldige,
b) Belastete (Aktivisten, Militaristen und Nutznießer),
c) Minderbelastete (Bewährungsgruppe),
d) Mitläufer,
e) Entlastete.
Da die Spruchkammern gänzlich überfordert waren,
erhielten die Gemeindeverwaltungen ein Rundschreiben vom 20. 5. 1947 des
Landkreises, das Anweisungen zur Beschleunigung der Entnazifizierung gab.
Danach war ein Ortsausschuß zu bilden, der fünf Personen umfaßte, die
nicht vom Entnazifizierungsgesetz betroffen waren; also zur fünften
Gruppe gehörten. Dieser Ortsausschuß sollte die Betroffenen nach bestem
Wissen und Gewissen beurteilen. Neuankommende oder entlassene
Kriegsgefangene mußten zunächst zwei Fragebögen abgeben oder eine
Quittung für einen schon abgegebenen Fragebogen vorzeigen, bevor sie
Lebensmittelmarken erhielten. Die für hauptschuldig Befundenen versuchte
man in eigenen Lagern umzuerziehen.
Die Versorgung der Bevölkerung
Bei einem Bevölkerungszuwachs von 40% gegenüber
1939 und einem Anteil der Flüchtlinge, Heimatvertriebenen und Evakuierten
von 27% an der Gesamtbevölkerung im Jahre 1949 ergab sich zu diesem
Zeitpunkt in Abtswind eine statistische Wohnraumbelegung von 1,22 Personen
je qm Normalwohnraum. Die Schwierigkeiten der Wohnraumbeschaffung nach
1945 wurden schon erwähnt.
Seit Beginn des Zweiten Weltkrieges waren die
Lebensmittel und Hauptkonsumgüter rationiert worden. Zu diesem Zweck hat
es Marken gegeben, die zu entsprechendem Bezug in Läden und Gaststätten
berechtigt haben. Dieses Marken- und Bezugscheinsystem hat man auch nach
dem Kriege bis zur Währungsreform 1948 beibehalten. Diese
Lebensmittelversorgung auf Marken trat nach dem Kriege in eine besonders
kritische Phase, weil die Erträge der Landwirtschaft durch den Verlust
der deutschen Ostgebiete, durch Trockenheit - vor allem im Jahre 1947 -,
sowie den Mangel an Düngemitteln und Qualitätssaatgut stark sanken. 1947
bestand die monatliche Lebensmittelversorgung auf Marken für einen
erwachsene Person aus 600 g Fleisch, 200 g Fett, 500 g Zucker, 600 g
Nährmittel, 62,5 g Käse, 6.000 g Brot, 12.000 g Kartoffeln und
200 g Kaffee-Ersatz.
Die Hauptlast dieser Rationierung traf besonders die
Neuankömmlinge, denn die Bauern konnten die Abgabepflicht für ihre
Erzeugnisse wegen der schwierigen Erfassung immer wieder mehr oder weniger
umgehen. Jedoch profitierte in den meisten Fällen auch die
nichtbäuerliche Bevölkerungsgruppe davon, weil die Bauern ihnen von
ihren "schwarzen" Beständen
gegen eine gewisse Mitarbeit im Bauernhof oder auf den Feldern abgaben.
Nie war die Zahl der sog. "Notschlachtungen" so groß, wie in
dieser Zeit, und nicht selten hatte ein offiziell zur Hausschlachtung
angemeldetes Schwein zwei oder gar drei Köpfe. Und die vielen nicht
angemeldeten, die sog. "Schwarzschlachtungen" sind bis heute
nicht registriert. Notschlachtungen von Rindern aus geringem Anlaß wurden
nicht selten offiziell bekannt gegeben und das Fleisch dann, zwar
rationiert aber ohne Marken, an die Bevölkerung frei verkauft.
Zur Verbesserung der Lebensmittelversorgung stellte
die Gemeinde mehrere Grundstücke den Flüchtlingen als Gartenland zur
Verfügung. Diese Grundstücke bezeichnet man bis heute als "Flüchtlingsgartli".
Nach der Währungsreform verbesserte sich auch diese
Situation wie überall in der Bundesrepublik Deutschland zusehends.
Ähnlich wie die Lebensmittel waren schon während des Krieges auch die
hauptsächlichen Konsumgüter (Kleider, Schuhe, Arbeitsschuhe, Eisenwaren,
u.ä.) rationiert und offiziell nur auf Kleiderkarte oder Bezugsschein zu
erhalten. Dieses Versorgungssystem blieb ebenfalls bis zur Währungsreform
1948 erhalten. Aber auch auf diesem Versorgungssektor konnten die
einheimischen Bauern durch Tauschgeschäfte viele Engpässe ausgleichen,
während den nichtbäuerlichen Bevölkerungsteil der Mangel an solchen
Konsumgütern voll traf. Im Gegensatz zu den selbst produzierten
Lebensmitteln, gaben die Bauern von den gegen Lebensmittel eingetauschten
Konsumgütern selten etwas an den benachteiligten Bevölkerungsteil ab.
Getauscht wurde in dieser Zeit alles gegen alles. Das Wertverhältnis der
getauschten Gegenstände war allerdings nicht selten alles andere als
gleich. Hunger und notwendiges Bedürfnis bestimmten den Wert. Es war die
Zeit der Schieber und Schwarzhändler, die skrupellos die Notlage anderer
ausnutzten, um sich zu bereichern. Viele Notleidende haben damals, nur um
zu überleben, wertvolle Sachgegenstände und besonders Schmuck gegen
Lebensmittel und notwendige Kleidungsstücke eingetauscht, deren Wert bei
weitem unter dem des hingegebenen Tauschgegenstandes lag. Auch hier machte
die Währungsreform diesem dunklen Kapitel als Folge Hitlerdeutschlands
alsbald ein Ende.
Vom 16. März bis 10. Mai 1945 gab es keinen Strom
in Abtswind. Der "Lichtstrom" fiel ins Gewicht; die wenigen
anderen Maschinen, z.B. Futterschneide, Kreissäge, Rübenmühle, konnten
auch mit der Hand bedient werden.
Die Brennstoffversorgung der Bevölkerung erfolgte
bis 1949 vorwiegend aus dem Waldbesitz der Bauern, der Gemeinde, der
Waldgenossenschaften und der Kirchenstiftung. Jeder Haushalt ohne eigenen
Waldbesitz bekam eine entsprechende Holzmenge zugewiesen. Zum Teil mußten
die Berechtigten beim Fällen der Bäume und der Aufbereitung des Holzes
mithelfen, um ein Anrecht auf Zuteilung zu erwerben. Außerdem gab es für
die, welche die Mühe nicht scheuten, auch immer in den Wäldern genügend
Leseholz, so daß in den schlechten Nachkriegsjahren niemand richtig
frieren brauchte.
Erst später, als der Handel zwischen den einzelnen
Besatzungszonen langsam in Bewegung kam, lief nach und nach die Versorgung
mit Kohle und Briketts wieder an.
Bis Anfang der fünfziger Jahre konnte von einem
Individualverkehr kaum die Rede sein. In der Landwirtschaft wurde der
"Reiswagen" oder die "Kutsch" eingespannt. Ansonsten
war man zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs. In den Nachkriegsjahren
war die einzige Verkehrsverbindung nach draußen der Lkw,' der täglich
die Milch abholte. Wer hier mitfahren durfte, hing ganz von der Gunst des
Fahrers ab. Der mangelnde Individualverkehr ließ die Linienbusse
und die Personenzüge förmlich überquellen.
Mit der Mechanisierung der Landwirtschaft kamen auch
die ersten Pkw's in die Dörfer und schwunghaft entwickelte sich das Leben
in allen Bereichen auf unseren heutigen Stand. Mit einem Vergleich von
früher und heute sei der Rückblick abgeschlossen: Früher wurde am
Samstag eine blecherne Wanne in die Küche gestellt und voll heißes
Wasser geschüttet; die Eltern, die Kinder, die Großeltern, der Knecht,
die Magd, einfach alle badeten sich nacheinander im gleichen Wasser und
trockneten sich mit einem Handtuch ab. Heute trocknet sich jedes
Familienmitglied mit seinem eigenen Badetuch ab. Nachdem es zuvor unter
seiner eigenen Dusche ausgiebig gebraust hat.
Nach Marion Kopp (gekürzt) |